Wolfsburg. Matthias Müller hat einen Kavalierstart hingelegt. Der Ex-Porsche-Chef führt seit dem 25. September den krisengeschüttelten VW-Konzern. Er hat die Aufklärung der Abgasaffäre forciert, Belegschaft und Führungskräfte auf schwierige Zeiten eingestimmt, Aufsichtsräte und in- wie externe Ermittler ins zum Teil düstere Bild gesetzt. Turbo-Tage, sozusagen. Arbeitswochen im roten Bereich. Müller bleibt auf dem Gas. Die Automobilwoche erläutert jene sieben Aufgabenkomplexe, denen er sich nun mit ganzer Kraft widmen muss.
Ein Chip wird kommen
Es war der erste Satz in seinem ersten öffentlichen Statement im neuen Amt. "Meine vordringlichste Aufgabe wird es sein, Vertrauen für den VW-Konzern zurückzugewinnen." An diesem Ziel will sich Müller messen lassen. Und er will persönlich, mit der ganzen Autorität seiner hohen Position, mögliche Widerstände brechen und weitere Mauscheleien verlässlich unterbinden. Dabei setzt der Vorstandsvorsitzende auf die so heilsame wie abschreckende Wirkung des "Dieselgate"-Schocks: "Wir alle sind mit scharfer Kritik und harten Fragen konfrontiert. Von Medien und Politik, von Mitarbeitern, Freunden und Nachbarn", brachte es Müller vor Kurzem auf einer streng abgeschirmten Konferenz des VW-Managements auf den Punkt. "Trotz aller Übertreibungen, die es derzeit natürlich gibt, sage ich: Diese Menschen haben das Recht dazu, uns diese Fragen zu stellen."
Beim VW-Rivalen Opel in Rüsselsheim würde man wohl wieder von einem "Umparken im Kopf" sprechen. Eine gedankliche Neuorientierung verlangt jetzt auch Müller von den VW-Managern in der Wolfsburger Zentrale und draußen in der Konzern-Welt. Unter seinem Vorgänger Martin Winterkorn gab es seit 2007 viele einsame Entscheidungen auf der Top-Etage. Womöglich zu viele. Müller betont: "Alleingänge sind nicht mein Ding." Er kündigt an: "Aufgaben und Verantwortlichkeiten werden klar definiert und delegiert." Der Neue will ein Chef zum Anfassen sein, ein Teamplayer. "Zutrauen und Vertrauen gehören zusammen", betonte er vor seinen Führungskräften. "Und ich stehe für eine saubere Fehler- und Verantwortungskultur." Er "denke, dass ich damit auch zum Neuanfang bei VW beitragen kann".
Der Rahmen ist gesetzt. Am Tag der Ernennung Müllers zum VW-Chef beschloss der Aufsichtsrat auch eine Neuordnung von Europas größtem Autohersteller. Im Kern sollen die neuen Strukturen vor allem Marken und Regionen stärken (Automobilwoche 21/2015).
Für Müller gilt es nun, den von den VW-Räten gezimmerten Rohbau mit Leben zu füllen. Auch personell, unter anderem bei der Besetzung der neuen Schlüsselfunktion Chief Technology Officer. Dabei muss Müller den Schulterschluss mit VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh suchen. Immerhin wollen die VW-Oberen mit "neuen, starken Konzernfunktionen etwa für Standardisierung und einheitliche Produktionsprozesse frühzeitig die Weichen für effiziente Entscheidungen stellen". Und Müller selbst will nichts weniger als "einen ‚neuen‘, einen besseren Konzern", wie er intern jüngst bekräftigt hat.
Die absehbaren finanziellen Belastungen in Milliardenhöhe, die das Emissions-Desaster nach sich ziehen wird, lassen VW-Markenchef Herbert Diess keine andere Wahl: Die ursprünglich geplanten Investitionen werden um rund eine Milliarde Euro pro Jahr reduziert, das 2014 noch von Winterkorn angeschobene Effizienzprogramm wird weiter beschleunigt. Gemeinsam mit Diess will Müller das Profil der Kernmarke Volkswagen schärfen. So bekommt die nächste Generation der Luxuslimousine Phaeton einen reinen Elektroantrieb. Und für Vernetzung und Fahrerassistenzsysteme wird ein neuer Standard definiert.
Für die Neue Welt, in der die Schummel-Software aufgeflogen war, sollte bei VW bald ein alter Hase zuständig sein: Winfried Vahland, seit 1990 im Konzern und seit gut fünf Jahren Chef der VW-Volumenmarke Škoda. Doch der schmiss völlig überraschend vor wenigen Tagen die Brocken hin. Wem immer Müller ersatzweise als Statthalter für die Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada und Mexiko sein Vertrauen schenken wird – er (oder sie) muss den dort geplanten, teuren Umstieg auf SCR- und AdBlue-Technologie mitsamt "sauberem" Chip aus voller Überzeugung mittragen. Und Michael Horn mit voller Kraft unterstützen – der US-Chef von VW kämpft derzeit fast allein auf weiter Flur.
Als hinge Matthias Müller nicht schon genug am Hals, hat er auch noch das Vertriebsressort auf Konzernebene kommissarisch übernommen. Christian Klingler, der langjährige Amtsinhaber, hatte VW Ende September im Streit verlassen. "Der Vertrieb soll uns nicht erzählen, wo wir gerade Schwierigkeiten beim Autoverkauf haben", schimpfte Osterloh vor Jahresfrist. "Der Vertrieb muss seine Planungen realistisch und Vertriebsprogramme stringent auf die Märkte mit ihren Herausforderungen ausrichten." Das gilt nun auch für Müller. Neben Nordamerika zählen Brasilien und Russland zu seinen Sorgenmärkten. Das Autogeschäft in China ist merklich schwieriger geworden. Und die wachstumsträchtige ASEAN-Region ist noch ein weißer Fleck auf der VW-Weltkarte.
Müllers Vertrag als VW-Chef läuft bis 2020. Wo soll der Konzern dann stehen? Das Management drängt auf eine Vision. "Unser Führungsmodell wird dezentraler", hat Müller seinem Team versprochen. "Und der Konzernvorstand kann sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren: auf Strategie, Steuerung und Zukunftsthemen." Der neue Mann an der Spitze will keine Zeit verlieren: "An die weitere Ausarbeitung gehen wir in den nächsten Wochen und Monaten mit Hochdruck ran." Einmal in Fahrt, scheint Müller kaum zu bremsen.