Schanghai. Er war da. Martin Winterkorn hatte seine Teilnahme an der Messe Auto Shanghai 2015 zwar abgesagt. Der – gesundheitlich – angeschlagene VW-Chef, eine Grippe hatte den sonst so robusten Topmanager erwischt, war aber doch überaus präsent. Das Phantom Martin W. schwebte von Anfang bis Ende über dem Konzernabend in der chinesischen Metropole am Huangpu-Fluss. Kein anderes Thema als die neue "Distanz" zwischen ihm und VW-Aufsichtsratsprimus Ferdinand Piech war auch nur annähernd so bestimmend in den lockeren Gesprächen mit Führungskräften des Wolfsburger Zwölf-Marken-Konzerns im Reich der Mitte.
Zitieren lassen mag sich kein einziger der Manager zur Causa "Piech/ Winterkorn". Zu groß ist die Furcht, mit einer klaren Positionierung nach außen persönliche Schwierigkeiten im Inneren des Unternehmens zu riskieren. Und wer von den Anwesenden könnte überhaupt ernsthaft behaupten, die aktuellen Geschehnisse zwischen Wolfs- und Salzburg bis in alle Facetten zu kennen, die wahren Gründe für die Führungskrise bei Europas größtem Autobauer, die nächsten Züge von Piech, Winterkorn und weiteren Entscheidungsträgern im Hintergrund?
Eine interessante Gemeinsamkeit allerdings zog sich durch sämtliche "Small talks", die der Autor dieser Zeilen am Rande der China-Show führen konnte: Niemand mag mehr daran glauben, dass Martin Winterkorn eines mehr oder minder fernen Tages als Vorsitzender des VW-Aufsichtsratsgremiums auf Ferdinand Piech folgen kann. Dabei galt diese Amtsübergabe noch vor gut einer Woche als sehr wahrscheinlich – auch dem Verfasser. Doch zu tief scheint allen Beobachtern der Bruch, der sich zwischen den beiden VW-Granden nun ergeben hat.
Wer könnte es dann werden? Einige der Befragten würden offenbar eine externe Lösung favorisieren. So wie damals, zu Zeiten von Carl Horst Hahn und Piech in der operativen VW-Lenkung, als Ruhrgas-Manager Klaus Niesen dem Volkswagen-Rat präsidierte. Mit einigem Erfolg, man denke nur an die Lösung der Lopez-Affäre. Einen Kandidaten brachte gegenüber Automobilwoche jüngst Jürgen Pieper ins Gespräch, Analyst beim Frankfurter Bankhaus Metzler: "An der Spitze des VW-Aufsichtsrats könnte Wolfgang Reitzle eines Tages auf Ferdinand Piech folgen. Reitzle ist lang genug weg vom Wettbewerber BMW und über sein Mandat bei Zulieferer Conti sehr dicht dran am VW-Konzern". Pieper fügte hinzu: "Doch eigentlich gehört nach wie vor Martin Winterkorn in dieses hohe Amt".
Ein möglicher VW-interner Piech-Nachfolger wäre Ulrich Hackenberg. Der Name des einflussreichen Audi-Entwicklungschefs wurde auch in Schanghai, wo der Winterkorn-Weggefährte das Vier-Ringe-Label neben Markenchef Rupert Stadler repräsentierte, von verschiedenen Insidern geraunt. Arndt Ellinghorst, Head of Global Research von Evercore ISI, London, sieht den Audi-Vorstand ebenfalls im Vorteil: "An der Spitze des VW-Aufsichtsrats könnte der unumstrittene Entwicklungsexperte Ulrich Hackenberg eines Tages Piech ablösen. Hackenberg ist – wie Piech selbst – sehr besonnen und im gesamten Unternehmen hoch angesehen". Doch auch den Finanzchef des VW-Konzerns hat Ellinghorst im Blick: "Herrn Pötsch könnte ich mir als AR-Chef auch vorstellen, er hat auf jeden Fall den Weitblick über den gesamten Konzern". Ellinghorsts Einschränkung: "Eventuell hat er aber für Piechs Geschmack zu wenig Ingenieur-Gene". Einstweilen gibt es viele Fragen – und eine Gewissheit: Langweilig wird es nicht bei VW.