Hamburg. Sollten ihre Konturen über die vergangenen Jahre tatsächlich unscharf geworden sein – seit vergangenem Freitag sind sie wieder in aller Klarheit zu erkennen, die wahren Machtverhältnisse im VW-Konzern. Es gibt einen großen Vorsitzenden, Vorstandschef Martin Winterkorn, mit Dienstsitz in Wolfsburg. Und es gibt einen ganz großen Vorsitzenden, Aufsichtsratsprimus Ferdinand Piech, ansässig im österreichischen Salzburg. Zwischen den beiden Ingenieuren, zwischen die über Dekaden kein einziges Blatt Strategiepapier zu passen schien, hat sich plötzlich und unerwartet eine Kluft aufgetan. "Distanz", wie es Piech konzis formuliert.
Warum? Auf diese Schlüsselfrage gibt es nicht die eine einfache Antwort. Zumal jene Probleme, an denen VW zweifelsohne zu tragen hat, so mancher Wettbewerber gern hätte. Ja, auf dem wichtigen US-Markt ist VW nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Doch Hoffnung ist in Sicht: Unter anderem mit einem großen Geländewagen und regelmäßigen Modellpflegemaßnahmen sollte VW-Statthalter Michael Horn die Wende zum Besseren in absehrbarer Zeit gelingen können. Gewiss, das für China und die ASEAN-Staaten besonders bedeutsame "Budget car" harrt noch immer seiner Realisierung. Die VW-Führung allerdings war und ist gut beraten, dieses technisch schlichte und kaufmännisch komplizierte Auto erst dann starten zu lassen, wenn die geplanten Stückzahlen und Gewinnmargen verlässlich zu erreichen sind. Zumal Rendite am Mittellandkanal ja ein überaus heikles Thema ist – die Performance der von Winterkorn derzeit noch persönlich geführten Kernmarke VW lässt erheblich zu wünschen übrig, wie nicht Piech allein seit Langem moniert.
Martin Winterkorn ist ein äußerst erfolgreicher Topmanager. Ein Übermensch ist er nicht. Und nur ein solcher machte keinerlei Fehler, ließe niemals auch nur leicht die Zügel schleifen, verlöre über dringliche Tagesgeschäfte nicht auch mal langfristig anstehende Aufgaben für kurze Zeit aus dem Blick. Der große und der ganz große Vorsitzende von VW sind beide starke Charaktere. Anführer. Alphawesen. Und alt genug – der eine kommt auf 67, der andere auf 77 Jahre –, um sich nach Friktionen, internen Querelen, vielleicht gar offenem Streit wieder zusammenzuraufen. Im Sinne der gemeinsamen Sache: VW endlich an die Weltmarktspitze zu bringen. Die Herausforderungen auf dem Weg dorthin sind groß genug: Digitalisierung, alternative Antriebsarten, (Auto-)Industrie 4.0, um nur einige Stichworte zu nennen. Winterkorn und Piech sollten sich dringlichst aussprechen. Das erste Signal dazu müsste aus Salzburg kommen, schnell. Und eine tiefe Kränkung müsste in Wolfsburg verziehen werden, nicht minder rasch. So unwahrscheinlich es auch anmuten mag, dass ein Ferdinand Piech einer von ihm schwer angezählten Führungskraft – erinnert sei hier exemplarisch an die Schicksale von Daniel Goeudevert, Bernd Pischetsrieder und Wendelin Wiedeking – dann doch noch eine weitere Chance einräumt, völlig ausgeschlossen ist es nicht. Rund 538 Kilometer trennen Wolfs- und Salzburg auf der Luftlinie. Eine gewisse "Distanz" ist das schon. Aber keine unüberwindliche.