Wolfsburg. Es sind große Baustellen, die auf Herbert Diess warten, der am 1. Juli seinen neuen Posten als Chef von Volkswagen Pkw angetreten hat. Der 56-jährige Münchner folgt auf Konzernchef Martin Winterkorn, 68, der bislang selbst die Kernmarke geführt hatte. In seiner neuen Funktion hat der Ex-Chefentwickler von BMW weit mehr zu tun, als „nur“ innovative Autokonzepte anzuschieben. Sein strategischer Weitblick ist im Reich der Mitte gefragt, bei Bits und Bytes und in den hauseigenen Teilefabriken. Auf sieben großen Arbeitsfeldern muss sich Ingenieur Diess beweisen.
China
Beim jüngsten Treffen der VW-Führungskräfte im Mai machte Winterkorn dem neuen Kollegen Diess vorab schon mal Dampf: „Er ist der richtige Mann, auf der richtigen Position, zur richtigen Zeit.“ Und die Zeit drängt. Vor allem China, der mit weitem Abstand wichtigste Einzelmarkt des Zwölf-Marken-Konzerns, bereitet der Führung zunehmend Sorgen. Allein im Juni hat das Label VW Pkw im Vergleich zum Vorjahresmonat dort beim Absatz 22 Prozent eingebüßt. Hier muss Diess unverzüglich gegensteuern. Was VW in China vor allem braucht, sind vergleichsweise günstige Autos deutlich unterhalb der Schallgrenze von 200.000 Yuan (umgerechnet knapp 30.000 Euro). Dennoch dürfen angesagte Kompakt-SUVs wie der in Schanghai gebaute VW Tiguan nicht billig ausgestattet sein. „Vor allem junge Autokäufer verlangen in China etwa aufwendige Konnektivität“, sagt ein VW-Manager und Landeskenner. „Da haben wir Nachholbedarf.“
Nordamerika
VW ist es ernst mit dem Ziel, 2018 vor Toyota und General Motors Weltmarktführer zu sein. Doch der Weg an die Spitze wird nicht ohne den schwierigen Turnaround in Nordamerika gelingen. „Deutlich unterrepräsentiert“ sei man in diesem Teil der Neuen Welt, mahnt Winterkorn seit Langem. Und Diess soll es jetzt mit der Kernmarke richten. Als Mitglied des Konzernvorstands übernimmt er im Zuge der Neuordnung von Managementstrukturen womöglich gar die Zuständigkeit für die Schlüsselregionen USA, Kanada und Mexiko. Ein geräumiger VW-Geländewagen läuft Ende 2016 im Werk Chattanooga an. Der ebenfalls in Tennessee gefertigte US-Passat wird in kürzeren Abständen als zunächst geplant überarbeitet. Denn amerikanische Kunden verlangen öfter mal was Neues. Um dennoch Kosten zu sparen, erwägt VW, für die nächste Generation des Passat in den USA statt des Modularen Querbaukastens B (MQB-B) den günstigeren MQB-A zu nutzen. Auch ein kleineres SUV soll darauf basieren. Den MQB-B wird VW im mexikanischen Werk Puebla einsetzen, wo der Tiguan neben dem Golf (MQB-A) für die USA entstehen soll.
Zentralismus
Die bei VW geplante Neuverteilung der Macht wird eine Gratwanderung für Herbert Diess. Zwar will Winterkorn mehr Verantwortung in die Marken und Regionen abgeben. Zusammen mit dem im April zurückgetretenen Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch traf er über Jahre alle wesentlichen Entscheidungen. Doch den bisher bei VW gepflegten Zentralismus soll es nach der Strukturreform im Herbst nicht mehr geben. Wohl aber eine „starke Zentrale“, wie Winterkorn betont. Diess wird sich also bisweilen der Konzernräson beugen müssen. Andererseits muss er der Marke VW neue Freiräume erkämpfen. Schon, um deren notorische Renditeschwäche zu beheben. Winterkorn schätzt Charaktere wie Porsche-Chef Matthias Müller, die ihm zu widersprechen wagen – sofern sie gute Argumente haben.
Digitalisierung
Als die Automobilwoche VW-Konzernchef Winterkorn vor Kurzem nach den größten Gefahren für Europas führenden Fahrzeugbauer fragte, antwortete er: „Die Digitalisierung zu verschlafen – und bei den neuen Antrieben auf die falschen Konzepte zu setzen.“ Diess teilt diese Einschätzung. Und bei der Abwehr dieser Risiken dürfte ihm seine persönliche Erfahrung zugutekommen. So hat der Technik-Fan 1987 über „Rechnerunterstützte Entwicklung flexibel automatisierter Montageprozesse“ promoviert. Beim Halbleiter-Hersteller Infineon, einer Siemens-Ausgliederung, sitzt er im Aufsichtsrat. Wie Insider berichten, will er als Chef der Marke Volkswagen Pkw schnellstmöglich ein breites Spektrum von Angeboten rund um Carsharing und innovative Mobilitätsdienste kreieren.
Alternative Antriebe
Mit alternativen Antriebsarten war Herbert Diess beim VW-Rivalen BMW lange befasst. Der Zweirad-Experte gilt als maßgeblicher Treiber einer Revolution auf vier Rädern, des Projekts i. Das Kompaktauto i3, ein Elektromobil, und der Sportwagen i8, ein Plug-in-Hybrid, haben den Münchnern weltweit Beachtung verschafft. Ähnlichen Glanz sollen die Stromer von VW ausstrahlen. Nach E-Up und E-Golf wird Diess weitere Batterie-Pkw prüfen. Dabei muss er sich mit Ulrich Hackenberg abstimmen: Audis Chefingenieur verantwortet die markenübergreifende Entwicklungssteuerung des VW-Konzerns. Als Plug-in-Hybride sind VW Touareg und Phaeton fest eingeplant.
Komponentenfertigung
Die VW-eigene Fertigung von Komponenten ist ein heikles Terrain. Wolfgang Bernhard, der Ex-Chef der früheren Markengruppe VW, scheiterte krachend am Versuch, wichtige Betriebsteile zu verkaufen. Diess wird Bernhards Fehler nicht wiederholen. Doch über den Geschäftsbereich Komponente wird der einflussreiche VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh notgedrungen mit sich reden lassen. „Unsere Hausfertigung ist Innovationstreiber und Preiskorrektiv gegenüber unseren Zulieferern“, so der oberste Vertreter der Arbeitnehmer. „Trotzdem dürfen wir auch hier nicht stillstehen. Wir müssen zukunftsträchtige Produkte weiterentwickeln, müssen aber auch den Mut haben, uns von Dingen zu verabschieden, die langfristig kein profitables Geschäftsfeld darstellen.“ Letztere wird Diess, unter anderem bekannt als „Kostenkiller“, bald gnadenlos aufzeigen.
Budget Car/ASEAN
Billige Autos zu konstruieren hat Herbert Diess bei BMW nicht gelernt. Bei VW wird er es müssen – unverzichtbar ist etwa Wachstum im Wirtschaftsraum ASEAN. Dort hat VW weiße Flecken auf der Landkarte und im Modellprogramm. Auch das Budget Car wird dringend gebraucht.