Das Umformunternehmen Hirschvogel hatte Ende 2024 angekündigt, 500 seiner 3600 Arbeitsplätze in Deutschland streichen zu wollen. Mittlerweile sieht CEO Matthias Kratzsch das Unternehmen auf Kurs. Hirschvogel hat die Abhängigkeit vom Verbrenner weiter verringert und für das laufende Jahr ist der Manager vorsichtig optimistisch.
Herr Kratzsch, Sie sind seit Sommer 2024 bei Hirschvogel. Ein harter Einstieg?
Ich bin zu einem Zeitpunkt zu Hirschvogel gekommen, als die Kundenaufträge gerade begannen, stark rückläufig zu werden. Im dritten und vierten Quartal 2024 hatten wir Rückgänge im Bereich von zehn bis 15 Prozent. Zudem habe ich in den ersten Wochen intensiven Kontakt zu den Kunden gesucht, um mir ein Bild davon zu machen, wie sie das Unternehmen sehen.
Gab es erste Konsequenzen?
Eine der ersten Folgen aus den Gesprächen war, dass wir die bisherige Local-für-Local-Strategie aufgelöst haben. Wir bieten den Kunden jetzt an, dort zu produzieren, wo sie den größten Nutzen haben und wo es für sie am preisgünstigsten ist. Durch unseren Werke-Verbund lassen sich große Synergien heben. Teilweise ist es günstiger, die Komponenten inklusive Logistikkosten aus einem Auslandswerk an den Kunden zu liefern, als in dessen Nähe neue Fertigungslinien aufzubauen.
Wollen Sie noch mehr ins kostengünstigere Ausland verlagern?
Ja. Wir erleben, dass es aus vielerlei Gründen immer schwieriger wird, am Standort Deutschland wettbewerbsfähig zu produzieren. Das heißt, es gibt einige Produkte, mit denen sind wir nur schwer bis fast gar nicht mehr wettbewerbsfähig in Deutschland. Bevor wir diese Produkte verlieren, bieten wir sie lieber aus einem unserer ausländischen Standorte an. Das führt im Gegenzug dazu, dass wir uns in Deutschland auf ein engeres Produktspektrum konzentrieren.
Wie sehen Sie die Entwicklung an Ihren vier deutschen Standorten?
In Deutschland sinken unsere Umsätze um 15 Prozent. Ich hoffe, dass dieses Niveau stabil bleibt. Wir reduzieren unsere Kapazitäten in Deutschland und bauen unsere internationalen Werke weiter aus.
Welche Pläne haben Sie im Einzelnen?
Das Volumen unseres indischen Werkes werden wir bis zum Jahr 2030 vervierfachen. In unser chinesisches Werk werden wir teilweise aus Kostengründen Produkte aus deutschen Standorten verlagern. An unserem mexikanischen Standort wurde in eine neue Pressenlinie investiert. Wir peilen dort nahezu eine Umsatzverdoppelung an.
Sie hatten angekündigt, in den nächsten zwei Jahren 500 von 3600 Stellen in Deutschland streichen zu wollen. Bleibt es dabei?
Aus jetziger Sicht, ja. Das ist gerade für ein Familienunternehmen wie Hirschvogel eine sehr schwere Entscheidung gewesen.
Wie viele Mitarbeiter haben sie bislang abgebaut?
Wir haben in den ersten beiden Monaten dieses Jahres ein Freiwilligenprogramm angeboten. Damit haben wir den größten Umfang der Personalanpassung bereits umsetzen können. Bis Ende 2026 folgen nun noch Reduzierungen, vorrangig durch Altersteilzeit und Auslaufen befristeter Verträge.
Ist Hirschvogel profitabel?
Wir haben mit unserem Management im zweiten Halbjahr 2024 ein Programm aufgesetzt, um Hirschvogel zu restrukturieren. Dabei ist mir wichtig, dass das keine von den Banken geforderte Restrukturierung ist. Das Programm ist über einen Zeitraum von drei Jahren angelegt. 2024 hatten wir Verluste geschrieben, aber schon in den ersten zwei Monaten dieses Jahres sehen wir die positiven Ergebnisse der Restrukturierung.
Durch diese Maßnahmen konnten wir unser Geschäft wieder stabilisieren. Das Schöne daran ist, dass sich das gesamte Management mit diesen Maßnahmen identifiziert und es keine von außen eingebrachten Vorschläge sind, deren Umsetzung durch innere Widerstände eher behindert wird.
Welche Erwartung haben Sie für 2025?
Trotz der extrem angespannten Situation im Automobilmarkt, erwarten wir für die Hirschvogel Gruppe eine verhalten positive Unternehmensentwicklung. Wir sind dabei, unsere Hausaufgaben konsequent zu machen. Wenn sich die Lage in der Automobilindustrie nicht noch weiter verschlechtert wie im zweiten Halbjahr 2024, werden die Restrukturierungsmaßnahmen die Gruppe in eine positive Zukunft führen. Sollte sich der Markt weiter zurückentwickeln, müssen wir neu justieren.