Der Volkswagen-Konzern will automatisiertes Fahren schneller und breiter ausrollen. Zukünftig sollen populäre Verbrenner- und Hybrid-Modelle auf Basis des Modularen Querbaukastens (MQB) mit Hardware ausgerüstet werden, die zumindest Level 2+ zulässt. Dafür vertieft der Konzern seine Partnerschaft mit Mobileye, dem zu Intel gehörenden israelischen Spezialisten für autonomes Fahren, und dem Zulieferer Valeo aus Frankreich.
Das neue System soll die ADAS-Funktionen (Advanced Driver Assistance Systems) bis auf Level 2+ ausweiten. Das heißt, der Fahrer darf unter gewissen Umständen auf der Autobahn die Hände vom Steuer nehmen, muss aber immer die Kontrolle über das Fahrzeug behalten.
Reaktion auf BYD? – Volkswagen rüstet MQB-Modelle für teilautonomes Fahren auf
Level 2+ für Verbrenner und Hybrid-Modelle: Der Konzern vertieft dafür die Zusammenarbeit mit Mobileye und Valeo.
Dazu kommen bekannte Features wie Stauassistent, Gefahrenerkennung und Parkassistent, aber auch die Fahrerüberwachung, die seit Juli 2024 für alle neuen Fahrzeuge vorgeschrieben ist. Je nach Marke können alle oder nur einzelne Funktionen zum Einsatz kommen, erklärt ein VW-Sprecher.
Die Ankündigung von Volkswagen kommt nur wenige Wochen nach einem weiteren BYD-Schockmoment für die globale Autoindustrie. Die Chinesen hatten Anfang Februar das Projekt God’s Eye vorgestellt. Demnach soll teilautonomes Fahren in allen BYD-Modellen serienmäßig ohne Mehrpreis verfügbar sein – auch in günstigen Klein- und Kompaktautos.
BYD-Gründer und Vorstandsvorsitzender Wang Chuanfu erklärte dazu: „In den nächsten zwei bis drei Jahren wird fortschrittliches intelligentes Fahren zu einer unverzichtbaren Ausstattung wie Sicherheitsgurte oder Airbags werden.“ Autos ohne entsprechende Fahrsysteme würden seiner Meinung nach dann eine Minderheit der Verkäufe ausmachen.
Zwar ist noch nicht klar, wann und ob und in welchem Umfang BYD die „God’s Eye”-Funktionen auch in Europa einführen wird. Dennoch stellt es potenziell bisherige Geschäftsmodelle auf den Kopf. Praktisch alle Hersteller sehen ADAS beziehungsweise autonomes Fahren als zusätzliche Einnahmequelle. Kunden, die sich dafür entscheiden, buchen entsprechende Pakete.
Setzt sich BYD mit seinem Ansatz durch und würden umfangreiche Assistenzsysteme bald tatsächlich zum Standard eines jeden Autos werden, müssten andere Hersteller nachziehen. Insofern dürfte sich sich VW mit der neuen Kooperation auch ein Stück weit auf ein solches Szenario vorbereiten.
Das neue System verfügt über 360-Grad-Kameras, Radarsensoren sowie softwaregesteuerte Funktionen. Der große Vorteil der Kooperations-Technik: Zukünftig werden Steuergeräte und Sensoren von Valeo mit der Kamera- und Radar-Technik, Prozessoren und der Kartierungestechnologie von Mobileye in einem einzigen System kombiniert. Laut Amnon Shashua, Präsident und CEO von Mobileye, brächte "dieser integrierte Ansatz aus Software und Hardware KI-Innovationen in die reale Welt“.
VW erklärt, heute habe man einerseits "separate Steuergeräte, anderseits liegt die Recheneinheit in den Sensoren (intelligente Kamera, Radar, etc.). Durch das neue System werden alle Recheneinheiten in einem zentralen Steuergerät integriert und zusätzlich heute erforderliche Sensoriken eingespart." Wie viele Geräte sich durch die neue Hardware ersetzen lassen, sagt VW auf Anfrage nicht.
Volkswagen verspricht sich von dem neuen System mehr Effizienz, größere Stückzahlen und dadurch vor allem sinkende Kosten. Die machen es einerseits für den Konzern einfacher, das System serienmäßig anzubieten oder erlauben andererseits einen günstigeren Preis für den Kunden.
Shashua betont, mit der Verbesserung von Effizienz und Kosten sowie der Aufwertung der Sicherheits- und Komfortfunktionen im Fahrerassistenzbereich weise "dieses System den Weg zu einer neuen Klasse der Fahrtechnologie.“
Die geringere Komplexität verbessert zudem die Möglichkeit für Over-the-air-Updates. Letztere gewinnen immer mehr an Bedeutung, um das System fortwährend an neue Sicherheitsstandards anzupassen. Bislang tun sich die Hersteller damit aber vor allem bei bestehenden, stark fragmentierten Verbrenner-Fahrzeugarchitekturen, wie etwa dem MQB, schwer.
Den Modularen Querbaukasten nutzt VW unter anderem für Bestseller wie Golf, Passat und Tiguan, konzernweit bauen darauf unter anderem auch Skoda Octavia, Audi A3 und Seat Leon auf. Welche Modelle als erste profitieren, ist noch offen.
Volkswagen spricht von einer Markteinführung „in den kommenden Jahren“. Denkbar ist ein erster Einsatz mit den nächsten großen Facelifts, zum Beispiel für den Tiguan. Der kam 2024 auf den Markt und dürfte planmäßig nach vier Jahren aufgefrischt werden.
Dass VW jetzt die MQB-Modelle technisch aufrüstet, hat noch einen weiteren Grund. Der Konzern halte seine „Modelle mit Verbrennungsmotor attraktiv und digital voll leistungsfähig, da sich der Hochlauf der Elektromobilität regional unterschiedlich schnell entwickelt“, so ein Sprecher. Die Verbrenner-Fahrzeuge werden wahrscheinlich länger im Programm bleiben, als ursprünglich geplant.
Ganz neu ist sind die Kooperationen übrigens nicht. Die ADAS-Exerten von Mobileye arbeiten bereits seit Jahren mit Volkswagen und einzelnen Konzern-Marken zusammen, unter anderem bei den Assistenz-Funktionen für die aktuelle Elektro-Architektur und den autonom fahrenden ID.Buzz.
Mobileyes Vizepräsident Johann Jungwirth kennt den VW-Konzern zudem ziemlich gut. Der ehemalige Apple-Ingenieur wurde 2015 zum Chief Digital Officer von Volkswagen ernannt. In dieser Rolle verantwortete er nach dem Dieselskandal die Zukunftsstrategie der Marke, inklusive der Entwicklung selbstfahrende Fahrzeuge.
2019 holte man zudem bereits Valeo ins Boot, um Mobileyes Responsabilty-Sensitive-Safety-System umzusetzen, dass das autonome Fahren "menschenähnlicher" machen soll. Allerdings setzt Volkswagen auf diesem Gebiet auch auf weitere Partner. Unter anderem kooperieren die Wolfsburger mit Bosch oder Horizon Robotics in China.